Claire Cunningham: Ich bringe das Publikum in meine Zeit

Die Choreografin und Tänzerin Claire Cunningham ist auf Krücken angewiesen. Das vielleicht Besondere ist ihre Haltung: die Krücken versteht sie als Erweiterung ihres Körpers. Der Kurator Jak Soroka spricht mit ihr über die Schönheit, Dinge zum Funktionieren zu bringen, und den Unterschied zwischen Mühe und Aufwand.

Jak Soroka: Ich möchte mit dir darüber sprechen, welche deine Crip-Werkzeuge sind und wie du deine Crip-Empfindsamkeit siehst.

Claire Cunningham: Für diejenigen, denen der Begriff noch nicht begegnet ist: Crip ist ein Wort, das sich viele Menschen mit Behinderung als politische Identität wieder angeeignet haben. Dabei geht es sehr stark um die Anerkennung einer kulturellen Identität im Zusammenhang mit Behinderung, um die Wertschätzung der Qualitäten, die ein Leben mit Behinderung bietet. Es ist ein Wort, mit dem ich lange gekämpft habe, und es war eine schrittweise Annäherung, es als Identität anzunehmen, die sich durch mein ganzes Leben zog. Als Künstlerin wurde mir jüngst sehr bewusst, was meine Crip-Werkzeuge im Leben sind. Und ich fange an zu verstehen, dass mich die Phänomenologie der Behinderung interessiert: Wie nehme ich die Welt wahr, gerade weil ich behindert bin, im Gegensatz zu der Weise, wie ich wahrgenommen werde, als behindert. Die Behinderung prägt, wie ich mich in der Welt bewege, sowohl in Bezug auf Raum und Zeit, als auch in meinen Begegnungen und Auseinandersetzung mit Menschen, Dingen und meiner Umwelt. Ich bemerke beispielsweise, dass ich eine geschärfte Aufmerksamkeit für den Boden habe, da ich auf Krücken laufe, also auf vier Beinen, deshalb nehme ich Gefälle, Glätte und Wölbungen sehr stark wahr.

Dieses Wissen manifestiert sich in meiner künstlerischen Arbeit als Werkzeug: diese Aufmerksamkeit gegenüber dem Raum formt die Art, wie ich eine räumliche Umgebung gestalte. Manche Crip-Werkzeuge sind reine Kreativität, entstanden aus der Notwendigkeit, einen anderen Zugang zu Dingen zu finden, und das ist in einer ganzen Reihe von Situationen unglaublich nützlich. Das Wissen, wie man am besten durch Städte navigiert, die nicht für eine*n selbst ausgelegt sind, und wie man Energie richtig einteilt, das sind Fähigkeiten, die Menschen mit Behinderungen erlernen. Menschen mit Behinderungen haben Systeme entwickelt, um Türen zu öffnen oder Gegenstände zu transportieren. Menschen, die in der Lage sind, Dinge in ihren Händen zu tragen, empfinden das häufig als unangenehm und schwierig, wie man Dinge erledigt, aber tatsächlich ist es komplett durchdacht, und es funktioniert ganz wunderbar. Aber sehr oft sind Menschen ohne Behinderungen nicht in der Lage den behinderten Körper zu lesen und zu erkennen, wann etwas schwierig ist oder eben nicht. Was Menschen als mühevolle Anstrengung wahrnehmen, ist eigentlich nur notwendiger Aufwand, und das sind zwei sehr verschiedene Dinge. Mühe beinhaltet ein Narrativ von Schwierigkeit, und Aufwand bedeutet lediglich, dass etwas Energie benötigt, und das ist nicht zwangsläufig negativ. Dies als Mühe zu lesen impliziert Leiden, im Gegensatz zu einer Lesart, in der es nur um Energie und Technik geht.

Jak Soroka: Es gibt diesen Moment in deinem Stück „Guide Gods“, in dem du die Treppenstufen hinabsteigst und ein Teetablett trägst, und dabei auf diese wunderschöne Art die Füße unter die jeweiligen Krücken hakst, um sie je eine Stufe nach unten zu bewegen. Du spielst offensichtlich mit den Erwartungen des Publikums im Hinblick auf das, was du kannst.

Claire Cunningham: Es war eine sehr bewusste Entscheidung, Teetassen als physisches Material in „Guide Gods“ zu verwenden, denn es handelt sich um Objekte, die Zerbrechlichkeit ausstrahlen, ein wenig wie ich selbst. Ich habe meine eigene Technik entwickelt, wie ich Dinge transportiere, während ich Krücken benutze, und sie mag langsam sein, aber sie ist tatsächlich sehr ausgeklügelt. Ich tue das auf der Bühne, u.a. um „Crip Time“ erfahrbar zu machen. Das ist ein Begriff, der aus der Crip Community kommt und anerkennt, dass Behinderung deine Beziehung zu normativen Auffassungen von Zeit verschiebt. Es gibt eine Verschiebung in einen Zeitrahmen, der absolut der Zeit entspricht, die ich benötige, um mich zu bewegen, und das ist viel langsamer. Es braucht sehr lange, diese Teetassen hinunterzutragen und ich lasse das Publikum mit Absicht Warten, ein Spiel mit der Befangenheit, der Peinlichkeit – genau das, was man angeblich nicht machen soll in einem „unterhaltenden“ Stück. In „Guide Gods“ ist es genau das: Ich hole das Publikum in meine Zeit.

Dies ist ein Auszug aus der „Guide Gods Digital Collection“, einer Podcast-Serie, die aus dem Interviewmaterial zusammengestellt wurde, das rund um “Guide Gods” entstand. Die vollständige, von Jak Soroka kuratierte Sammlung kann unter www.clairecunningham.co.uk/guide-godsdigital-collection/ abgerufen werden.